1.200 Kilometer NÖ Landesgrenze - Verlauf und markante Punkte

 

Niederösterreich besitzt mit seinen fast 20.000 Quadratkilometern nicht nur die größte Fläche, sondern mit rund 1.160 Kilometern auch die längste Außengrenze aller österreichischen Bundesländer. Über ein Drittel davon hat den Rang einer Staatsgrenze, war bis 1989 Teil des „Eisernen Vorhangs“ und ist seit 2004 EU-Binnengrenze zu Tschechien und der Slowakei. Der große Rest ist mit den Grenzen zum Burgenland (208 Kilometer), zur Steiermark (187 Kilometer), zu Oberösterreich (215 Kilometer) und zum territorial eingeschlossenen Wien (136 Kilometer) eine innerösterreichische Angelegenheit. 

Einen prägnanten Startpunkt für die virtuelle Grenzwanderung bietet das Dreiländereck zwischen Tschechien, Oberösterreich und Niederösterreich. Hier, am Rand der Gemeinde Bad Grosspertholz, steht eine barocke Steinsäule mit dreiseitigem Tabernakelaufsatz. Joachim Enzmilner, der spätere Reichsgraf von Windhaag und Auftraggeber der ersten Herrschaftstopografie Österreichs, ließ sie 1661 zur „Scheidung“ seines Besitztums Reichenau am Freiwalde gegen Freistadt (im Westen) und Gratzen (im Norden) errichten. Dass - wie in diesem Fall - bei der Bildung einer Grenze höherer Ordnung eine Herrschaftsgrenze übernommen wurde, ist keine Seltenheit.

Der Nordwald mit der großen mitteleuropäischen Wasserscheide zwischen dem Donauraum und dem Gebiet um Elbe und Oder war ursprünglich ein ausgedehnter naturgeografischer Grenzsaum. Die großen Handelswege, später auch regionale Straßenverbindungen, ließen sich davon jedoch nicht aufhalten, was aus den Kreuzungsbereichen Grenzübergänge machte. Ein wichtiger mittelalterlichen Saumweg war der „Beheimsteig“, als seine Nachfolgerin gilt die Landesstraße L71. Bei der Grenzstation zwischen Pyhrabruck (Gemeinde Unserfrau-Weitra) und Nove Hrady/Gratzen befindet sich auch ein ganzes Steinensemble um eine historische Grenzsäule mit den Aufschriften „Böhmen“ und „Österreich“ sowie einer hochpräzisen Entfernungsangabe (35,415 Kilometer!) nach Zwettl.

Gegenüber auf der tschechischen Seite erinnert ein Freilichtmuseum mit Stacheldrahtzaun und Wachtturm eindringlich an die Jahre des „Kalten Krieges“ von 1947 bis 1989. In und um Gmünd war bereits die Erste Republik Österreich um die Anlagen der Franz-Josefs-Bahn und das Gebiet der „13 Gemeinden“ dezimiert worden. Heute und im Kontext der EU wirkt die Doppelstadt Ceske Velenice/Gmünd mit dem Themenweg „Zeitge(h)schichten zweier Städte“ wie ein einziges Mahnmal für die leidvollen “Grenzerfahrungen” des 20. Jahrhunderts.

Die Gemeinde mit dem „Nordkap“ des Waldviertels und damit ganz Österreichs heißt Haugschlag. Der entsprechende Grenzpunkt liegt am Rand der Ortschaft Rottal in der Mitte des idyllischen Neumühlbaches und ist durch einen „amtlichen“ Grenzstein mit der Kennung VI/28 markiert. Wie sein Pendant am Ufer gegenüber folgt er in Form und Nummerierung einer Systematik, die nach dem Vertrag von Saint Germain für die Kennzeichnung des gesamten Grenzverlaufs zwischen der Ersten Republik Österreich und dem neuen Tschechoslowakischen Staat ausgearbeitet wurde. Die Aufschrift 16.VII.1920 zu Beginn jedes Abschnitts verweist auf die „Stunde Null“ dieser Grenzregelung.

Der nächste derartige Abschnitt beginnt beim Hohen Stein zwischen Reinolz/Gemeinde Dobersberg und Slavonice/Zlabings, die entsprechende Grenzsäule ruht noch dazu auf dem Fundament eines historischen Dreiländersteins mit den zusätzlichen Initialen „Č” (Čechy) für das habsburgische Königreich Böhmen und „M“ für die Markgrafschaft Mähren. Seit 1948 treffen die nunmehrigen Regionen Böhmen und Mähren allerdings weiter östlich bei der Ortschaft Schaditz, Gemeinde Raabs an der Thaya, auf Niederösterreich.

Nach Hardegg mit seiner denkmalgeschützten Grenzbrücke, die zur Hälfte zu Tschechien und zur anderen Hälfte zu Österreich gehört, beginnt auch von der Landschaftsform her das Weinviertel. Die Thaya/Dyje verlässt nach einem wilden, mäandrierenden Abschnitt im Inter-Nationalpark Thayatal-Podyji die Grenze in Richtung Znojmo/Znaim, nähert sich zwischen Laa und Alt Prerau wieder an und wird nach neuerlichem Auseinanderstreben nördlich von Bernhardsthal für rund sechzehn Kilometer das letzte Mal zur „nassen Grenze“. 

Die territorialen Ansprüche der Tschechoslowakei nach 1918 und 1945 sowie jene des Großdeutschen Reichs nach 1938 führten in diesem Raum zu dramatischen wechselseitigen Verfolgungen und Vertreibungen. In Niederösterreich künden zahlreiche Gedenkstätten davon, beispielsweise seit 1962 das monumentale „Südmährerkreuz“ auf dem Schweinbarther Berg nahe dem Grenzübergang Drasenhofen/Mikulov. 

Bis 1920 lagen die Liechtenstein’schen Besitztümer um Feldsberg/Valtice und Eisgrub/Lednice zu beiden Seiten der niederösterreichisch-mährischen Grenze. Exakt über der Grenzlinie wurde 1827 nördlich von Bischofswarth/Hlohovec das sogenannte Grenzschloss (heute Hraniční Zámeček) erbaut, was Inschriften und Wappen sowie ein aus einer Amphore hervorquellender Wasserlauf versinnbildlichten. Mit der veränderten Grenzziehung fehlt diesen Symbolen allerdings ihr Ortsbezug.

Das Dreiländereck, das Österreich, Tschechien und die Slowakei seit 1990 bei Hohenau bilden, wird indirekt durch drei Grenzsteine angezeigt - befindet es sich doch genau in der Mitte des Zusammenflusses (Soutok) von Thaya und March/Morava. Auf der Landzunge steht ein imposanter Grenzstein, mit dem die „Kaiserin“ Maria Theresia 1755 den Beginn ihres Kronlandes Mähren markieren ließ. 

Bis zur Mündung in die Donau bei der Pforte von Theben/Devin deckt sich ab nun der Lauf der March mit der Staatsgrenze - eine Rolle, die dem Fluss bereits im 11. Jahrhunderts zukam, als von hier weg erstmals eine Grenze zwischen der babenbergischen Mark und dem Königreich Ungarn festgelegt wurde. 

Ein Stück donauabwärts geht Niederösterreich im Industrieviertel bei Hainburg wieder “an Land” und erreicht in der Gemeinde Wolfsthal seinen östlichsten Punkt. Direkt am EU-Grenzübergang zwischen Berg und Bratislava-Petrzalka an der Pressburger Straße B 9 findet sich einmal mehr ein stattlicher Grenz- und Distanzstein - zum Wiener Stephansplatz sind es demnach 58,5 Kilometer.

Nur wenig später wird aus der Staatsgrenze die einfache Bundeslandgrenze zum Burgenland. Im Leitharaum verlief bis 1918 der zweite Abschnitt der mittelalterlichen Grenze zu Ungarn: „Cisleithanien“ und „Transleithanien“ hießen ab dem “Ausgleich” von 1867 in der Umgangssprache auch die beiden Reichshälften der Donaumonarchie. Die Grenzlinie setzt sich mehrmals deutlich vom Fluss ab, so oberhalb von Sommerein, Mannersdorf, Hof und Au auf den Kamm des Leithagebirges. Grund ist die seinerzeitige Zugehörigkeit dieser Gemeinden zur Herrschaft Scharfeneck, die als ungarische Gründung ab ca. 1500 dauerhaft und letztlich erfolgreich von Österreich beansprucht wurde. Mehrere lokale Ortsangaben wie der „Schwarzhotterberg“ haben das ungarische Wort „Határ“ für Grenze übernommen.

Wie in jedem nicht restlos kontrollierbaren Grenzland standen auch hier von alters her Schmuggelaktivitäten auf der Tagesordnung. Die Wirren nach dem Vertrag von Trianon aus 1920 machten sie für die anwohnende Bevölkerung jedoch zu einer Überlebensfrage. Das im Zuge des Viertelfestivals 2019 oberhalb von Hof am Leithaberge errichtete „Grenzdenkwegmal“ greift dieses Stück Zeitgeschichte auf.

Eine kleinere niederösterreichische Exklave südlich der Leitha ist Zillingdorf. Das benachbarte Stinkenbrunn (heute Steinbrunn) hatte 1897 im Zuge der Magyarisierungkampagne unmissverständlich „Büdöskut“ zu heißen, was durch die Setzung einiger Grenzsteine bekräftigt wurde. Dabei erhielt auch die niederösterreichische Seite mit „Also Ausztria“ eine ungarische Bezeichnung.

Der Ursprung der Leitha liegt in der Gemeinde Lanzenkirchen. Die Landesgrenze hat sich hier wieder bergwärts entfernt und fällt auf dem Rosalia-Wanderweg ein Stück weit mit einer alten Waldgrenze zusammen: der sogenannte Kaiserwald wurde unter Maria Theresia 1755 in das Staatseigentum übernommen. Zahlreiche Grenzsteine mit dem stilisierten Bindenschild und den Initialen M.T. künden davon.

Ab dem Hartlspitz und der Flur „Am Markstein“ bei Hochwolkersdorf durchquert die alte Grenze entlang der Donau-Raab-Wasserscheide die Bucklige Welt bis zum Gebiet der Lafnitz. Eine nach wie vor gültige Grenzmarke ist der 1653 am „Römerweg“ von Kirchschlag ins burgenländische Pilgersdorf errichtete „Entenstein“ mit den Wappen der seinerzeitigen Herrschaftsinhaber Puchheim und Nadásdy.  Schließlich stoßen die Gemeinden Hochneukirchen und Oberschützen an einer Wegkreuzung am Willersbach auf das steirische Schäffern - ein neuerlicher Fall für ein Dreiländereck. Das dortige Grenzdenkmal stammt vermutlich von der vorletzten Jahrhundertwende, zeigt die drei Bundesländer mit ihren Landesfarben und wird durch eine Schautafel des „Historischen Vereins Wechselland“ profund erläutert.

Nach einem kleinteiligen, durch Grundbesitz-, Rodungs- und Siedlungsgrenzen bestimmten Abschnitt kommt für die Landesgrenze zur Steiermark der großräumige Vertrag von 1254 zwischen König Ottokar II. Přemysl von Böhmen und König Béla IV. von Ungarn zum Tragen. Er orientierte sich im Wesentlichen an der Wasserscheide zwischen Mur und Donau.

Seit 1910 schneidet die Wechselbahn direkt beim Südportal des Großen Hartbergtunnels die Grenze. An der Wechselbundesstraße B54 bei Mönichkirchen hat sich Kaiser Franz I. auf einem prominenten Grenzstein verewigt. Am vorläufigen Höhepunkt, dem Gipfel des Hochwechsels, wird die Grenzlage mehrfach angezeigt, darunter seit 1966 in Form einer achteckigen Kapelle. Ihre Innenausstattung thematisiert bildgewaltig ein „Grenzlandschicksal“  aus kriegerischen Bedrohungen durch Magyaren, Osmanen, Kuruzzen, napoleonische Truppen sowie durch die finalen Kämpfe des Zweiten Weltkriegs.

Als Inbegriff eines Grenzpasses gilt der Semmering, lange Zeit das Haupthindernis auf dem Handelsweg von Wien nach Venedig. Dementsprechend repräsentativ sind daher das Carolusdenkmal, das 1728 von den Ständen Innerösterreichs zur Erinnerung an den Bau der Semmeringstraße durch Kaiser Karl VI. errichtet wurde, sowie der Meilenstein in Obeliskform mit der Inschrift „Ende der k.k. italienischen Post- und Hauptcommercial-Straße auf der Seite Niederösterreichs“ ausgefallen. Die schlichte „Grenzlandhütte“ in der Nähe fällt da deutlich ab.

Über ein Stück des Landesrundwanderwegs erreicht man in nordwestlicher Richtung das Preiner Gscheid. Der dortige Passübergang ist mit einer denkmalgeschützten Mariensäule und der Aufschrift ‚protege - defende‘, also ‚schütze und verteidige‘, kunstvoll ausgestaltet. Balthasar II Huebmann, Abt des Zisterzienserklosters Neuberg an der Mürz, das zugleich weltliches Herrschaftszentrum der Region war, ließ sie 1654 errichten.

Nach einem Anstieg auf fast 2.000 Höhenmeter mit anschließender Rax- und Schneealpen-„Überschreitung“ wendet sich die Landesgrenze in Richtung Mostviertel bzw. Mariazeller Land. An der B23 in der Ortschaft Terz fungierten bis vor kurzem zwei Gasthäuser als besondere „Grenzwächter“: das “Zur Steierischen Grenze“ - mittlerweile abgerissen, und jenes „Zur Österreichischen Grenze“ - mittlerweile dauerhaft geschlossen. 

Der hier beginnende Grenzabschnitt war im Mittelalter durch konkurrierenden klösterlichen Eifer geprägt: Lilienfeld (gestiftet 1202) und Gaming (1330) auf niederösterreichischer Seite gegen die schon vor 1100 gegründeten Klöster Sankt Lambrecht (die „Mutter“ des Gnadenortes Mariazell) und Admont auf steirischer Seite. Nach der schnurgeraden Durchquerung des Erlaufsees steigt die Grenze in die Höhen der Ybbstaler Alpen, was auch geografische Bezeichnungen wie Grenzkogel oder Großes und Kleines Marcheck unterstreichen. Ähnlich selbsterklärend ist der Name des Grenzpasses Zellerrain, auf dem seit dem 17. Jahrhundert die elegante, 1968 renovierte und heute denkmalgeschützte Kartäusersäule aufragt; ihren Schaft zieren die Wappen des Stifts Lilienfeld und der Kartause Gaming. 

Zwischen dem Hochstift Freising, das bis 1803 Güter westlich der Ybbs besaß, und dem Stift Admont kam es nach heftigen Kontroversen im Jahr 1676 zu einem Vergleich, wovon die auf einem Felsen beim Scheibenberg in der Gemeinde Hollenstein eingemeißelten Initialen A und F Zeugnis ablegen. Mehrere Grenzpyramiden und Grenzsteine in der Nähe stammen von der Landesaufnahme des Jahres 1828.

Das folgende Dreiländereck mit Oberösterreich (Gemeinde Weyer) und der Steiermark (Gemeinde Altenmarkt) erfuhr erst im Jahr 2011 seine gebührende Auszeichnung, als auf dem nahen „Tanzboden“ eine elegante Metallskulptur namens „Dreiklang“ eingeweiht wurde.

Weiter nach Norden verläuft die Landesgrenze im Wesentlichen auf der Kammlinie, senkt sich nur zwischen Waidhofen an der Ybbs und Gaflenz zur Querung der B121, dreht in Richtung Nordwesten und erreicht mit dem Ramingbach das untere Ennstal. 

Der folgende „nasse“ Grenzabschnitt setzt sich mit der Enns und dann - von der Höhe Mauthausen bis nach dem Ende des Strudengaus - in der Mitte der Donau fort; kleine Ausreißer gibt es nur rund um Wallsee-Sindelburg. Beide Flüsse haben eine besonders weit zurückreichende Grenztradition: Der Unterlauf der Enns war seit etwa 550 die Ostgrenze der bairischen Grenzmark, später die Westgrenze der babenbergischen Ostmark und ab etwa 1500 die Trennungslinie zwischen den beiden Herzogtümern ob und unter der Enns. Nach 1945 erhielt der Fluss als scharfe Demarkationslinie zwischen der sowjetischen und der amerikanischen Besatzungszone noch einmal eine politische „Aufwertung“: die Brücke zwischen Ennsdorf und Enns steht ikonisch dafür. 

Die Donau wiederum war schon im Römischen Reich Teil des umfassenden Grenzsystems, das im heutigen Ober- und Niederösterreich den Namen „Limes Noricus“ trug.

Anders als am südlichen Donauufer wurde die mittelalterliche Gau- und Markgrenze bei der späteren administrativen Einteilung auf der linken Flussseite weiter nach Osten verschoben - bis zum Greiner und zum Weinsberger Forst, die einen natürlichen Grenzsaum bildeten. Heute sind Sankt Nikola an der Donau auf der Mühlviertler und Nöchling auf der Waldviertler Seite die Grenzgemeinden.

In Dorfstetten erinnert ein alter Stein an die Zeit, als die - mittlerweile korrigierte - Landesgrenze mitten durch eine Hammerschmiede verlief. Weiter nördlich in Altmelon ist wieder einmal ein Name Programm: der kleine Grenzort Marchstein wurde schon 1733 im Grundbuch der Herrschaft Rapottenstein verzeichnet und liegt an der Wasserscheide zwischen dem Kleinen Kamp, der hier entspringt, und dem Sarmingbach. 

Auf dem Weg zum Ausgangspunkt, dem Dreiländereck beim Sepplberg, berührt die Landesgrenze noch die Gemeinden Arbesbach, Groß Gerungs und Langschlag. Wie vielen anderen Orten muss ihnen im begrenzten (!) Rahmen dieser Landesumrundung jedoch die gebührende Aufmerksamkeit versagt bleiben.

Auf die Grenze zu Wien sei am Ende nur in der Kurzform zweier Literaturhinweise eingegangen: Im 2015 erschienenen Buch "Die Wiener Landesgrenze“ bieten Harald Blanda und Günther Brunnbauer als Ergebnis von 35 Begehungen eine - auch aus niederösterreichischer Sicht - vollständige Dokumentation der Grenzpunkte.

Literarisch leichtfüßiger beschrieb der Autor Alfred Komarek 1996 diesen Grenzverlauf in seinem Buch „Rings um Wien“.